Andachten aus Bibel AnDenken
Die Reihe "Bibel AnDenken" erscheint in gemeinsamer Herausgeberschaft der aej mit der Konferenz der Landesjugendpfarrerinnen und Landesjugendpfarrer in der Bundesrepublik Deutschland. Sie bietet Andachtsentwürfe, Materialien für Gruppenstunden und Freizeiten, Lieder, Informationen zur Jahreslosung und Monatssprüchen.
Andacht Februar
Warum es besser ist, optimistisch zu sein
Liebe Pessimistinnen und Pessimisten, liebe Optimisten und Optimistinnen, zu welchem Lager rechnet ihr euch? Zu denen, die schwarzsehen oder zu jenen, die in allem immer noch etwas Positives entdecken können? Hängt es von der Persönlichkeit ab, wie man die Dinge betrachtet? Kann man da nichts machen? Manche sind eben erdenschwer, andere leicht wie Wolken.
Machen wir einen kleinen Test.
(Ein Glas, halb voll mit Wasser, wird sichtbar für alle platziert.)
Überlegt einmal für euch und beantwortet die Frage im Stillen: Wer sagt, das Glas ist schon halb leer? Wer sagt, das Glas ist noch halb voll?
Es gibt für beide Aussagen starke Argumente, die sich kaum widerlegen lassen. Es lässt sich auf jeden Fall nicht sagen, wer recht hat. Beides ist möglich.
Und dennoch ist es nicht egal, wie ich denke und empfinde! Es macht einen Riesenunterschied, ob ich vor allem den Verlust sehe oder den Vorrat; ob ich dem nachtrauere, was verschwunden ist, oder ob ich mich an das halte, was noch da ist. Ich male mir mein Leben damit nicht rosa-himmelblau, aber ich blicke auf sein Potential. Ich stehe anders da, wenn es schwierig wird.
Aber ist das nicht einfach eine Angelegenheit des Charakters? Wer kann schon aus der eigenen Haut? Man kann positives Denken doch nicht einfach befehlen. Nun sei mal fröhlich! Lach mal wieder! Nein, so funktioniert das nicht. Trotzdem glaube ich nicht, dass alles so bleiben muss, wie es ist; dass ich immer so bleibe, wie ich gerade bin. Und ihr schon gar nicht! Ihr seid in dem spannendsten Alter, wenn es darum geht, herauszufinden, wer man ist. In eurem inneren Kleiderschrank hängen so viele Ichs, die darauf warten entdeckt und ausprobiert zu werden. Traut euch, probiert aus, was euch interessiert. Ihr müsst auch nicht in Panik verfallen, dass die Zeit euch davonrennt. Auch wenn man älter ist, bleibt einiges zur Auswahl. Man kann sich immer wieder verändern. Pessimismus ist kein Schicksal, Optimismus kein unverschämtes Glück. Es ist gar nicht so sehr eine Frage der Persönlichkeit, sondern vielmehr der Haltung. Zu einer Haltung kann ich mich entschließen nach längerem Nachdenken. Ich kann mich für Optimismus entscheiden, weil es produktiver ist, besser für mich, die Dinge in hellem Licht zu sehen. Die Schwierigkeit besteht manchmal darin, dann auch daran festzuhalten.
Damit seid ihr nicht allein.
Stellt euch Menschen vor, die auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Auf Armut, Unterdrückung und Flucht. Auf Bedrohungen, die nicht bewältigbar schienen; auf Momente, in denen Wunder geschahen. Auf vierzig Jahre Heimatlosigkeit, bis am Ende ein neuer Platz zum Leben gefunden wurde. Eine Wellnesstour war das wirklich nicht. Klar ist auch, es wird nicht alles himmelblau. Die Probleme lösen sich nicht einfach auf. Aber ihnen sagt Gott ein Wort, jeder und jedem von ihnen: Du sollst fröhlich sein und dich freuen über alles Gute, das der HERR, dein Gott, dir und deiner Familie gegeben hat.
Hm: »Du sollst!« Das klingt nach einem Befehl:
»Sei happy – aber dalli!« Die Aufforderung ist allerdings nicht ganz grundlos. Das frühe Israel ist durch alle Schwierigkeiten hindurchgekommen. Manchmal hatte es Anlass, schwarz zu sehen; oftmals fing es schon an zu jammern, bevor es wirklich ernst wurde. Aber am Ende kam es ans Ziel. Und darauf spielt dieses Wort an. Erinnere dich! Dein Glas ist mindestens halb voll. Erinnere dich an all das Glück, das dir und deiner Familie geschenkt wurde. Du stehst nicht mit leeren Händen da. Gott hat dir immer geholfen.
Liebe Optimist*innen und die, die es werden wollen. Wenn ihr etwas Schönes erlebt habt, dann denkt ihr doch gerne daran zurück; ohne Bedauern, dass es vorbei ist. In der Erinnerung besteht es weiter. Es kann euch weiterhin das Herz erwärmen. Auf eurer langen Wanderung in die Zukunft braucht ihr alle solchen Proviant. Niemand kommt sehr weit ohne Vorrat. Genau das will dieses Wort aus dem 5. Buch Mose den Menschen sagen, damals und heute. Erinnerung kann mutig machen und zuversichtlich. Wer zurückblickt, kann unbeschwerter nach vorn schauen.
Wie das?
Es gibt eine einfache Übung, die ich mit euch durchführen möchte. Ihr könnt sie später zu Hause noch einmal wiederholen, weil sie eigentlich mehr Zeit braucht. Aber ein Gefühl für das Ergebnis könnt ihr jetzt schon bekommen. (Zwischen den einzelnen Sätzen immer ein wenig Zeit lassen.)
Also, lehnt euch zurück und schließt die Augen ... Atme tief ein und aus, atme ganz ruhig ...
Du bist ganz bei dir ... Es gibt nur noch dich ...
Atme ruhig und gleichmäßig ... Du bist vollkommen entspannt ...
Nun geh zurück zu deinen frühesten Erinnerungen ...
Was ist das erste Bild, das dir in den Sinn kommt?
Wandere weiter ...
Wann hast du deine ersten Freundschaften geschlossen?
Wer war für dich in der Familie besonders wichtig, als du noch klein warst? Denk an deine Zeit in der Grundschule ... Was fiel dir schwer?
Wie hat sich das aufgelöst? Wie verliefen deine Tage?
Weiter gehts! Du bist nun älter und kommst auf eine andere Schule ...
Neue Freundschaften, Abschied von bisherigen ... Neue Interessen ...
Neue Einsichten ...
Irgendwann trifft dich ein Ereignis, das die ganze Welt verdunkelt hat: Corona!
Von einem auf den anderen Tag bist du vom sozialen Leben abgeschnitten ... Wie war das für dich?
Hast du daran geglaubt, dass sich das irgendwann ändert? Was hat dich besonders bedrückt?
Was hat dir in dieser Zeit Mut gemacht?
Und dann – nach zwei quälenden Jahren – ändert sich das Leben und alle können sich wieder treffen ...
Was hast du empfunden?
War das die größte Krise deines bisherigen Lebens oder gibt es noch andere? Was ist dein größtes Glück?
Gehe jetzt vor bis zum heutigen Tag. Lass das Helle und Dunkle noch einmal vor deinem inneren Auge vorüberziehen und komme dann in der Gegenwart an ...
Atme dreimal tief ein und aus ...
Nun öffne die Augen ...
Willkommen zurück!
Ihr habt sicher gemerkt, dass die Reise durch das eigene Leben auch kein reiner Erholungsurlaub war. Es gab manches, das schwer auf dem Herzen lag, vielleicht auch noch liegt. Es gab aber auch vieles, das dich froh gemacht hat. Im Rückblick geschieht etwas Besonderes: Die Ereignisse verändern sich. Sie treten in einen neuen Zusammenhang. Was vorher vielleicht unverständlich erschien oder sinnlos war, tritt plötzlich ein in eine Ordnung. Die Dinge werden nicht milder oder schöner, wenn sie schwierig waren. Aber auf einmal haben sie ihren Schrecken verloren.
Was vorher bedrohlich war oder fragwürdig, ergibt nun einen Sinn. Ihr könnt bei dem Blick in die Vergangenheit mitverfolgen, in welchen Momenten ihr beschützt wurdet. Ihr könnt feststellen, dass es letztlich sogar gut war, an dieser oder jener Stelle zu scheitern, weil sich dadurch ganz andere Möglichkeiten eröffnet haben. Ihr könnt erkennen, dass ihr nicht allein unterwegs seid. Ihr werdet begleitet; Gott ist immer an eurer Seite.
Im Rückblick lässt sich begreifen, dass unser scheinbares Umherirren in Wirklichkeit ein Weg ist, der allein unser Weg ist. Nur wir können ihn so gehen, niemand sonst. Jeder Weg ist einzigartig, so wie ihr einzigartig seid.
Es gibt viele Gründe, das Leben mit freundlichen Augen zu betrachten. Bleibt hoffnungsvoll oder werdet es! Verliert den Mut nicht vor dem Morgen. Werft dem Bedrohlichen euer Glück entgegen, das euch stark macht und immer stark machen wird. Gott geht mit euch auf eurem Weg. Und manchmal könnt ihr ihn ganz leise lachen hören, weil er sich freut, dass es euch gibt. Er steht euch zur Seite.
Amen
Wolfgang Blaffert