Andachten aus Bibel AnDenken

Die Reihe "Bibel AnDenken" erscheint in gemeinsamer Herausgeberschaft der aej mit der Konferenz der Landesjugendpfarrerinnen und Landesjugendpfarrer in der Bundesrepublik Deutschland. Sie bietet Andachtsentwürfe, Materialien für Gruppenstunden und Freizeiten, Lieder, Informationen zur Jahreslosung und Monatssprüchen.

Cover Bibel AnDenken 2026
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September 2026

Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind

Koh 4,8

Andacht September 2026

»Alles in gutem Maß und Balance«
Andacht
Na, wie war euer Sommer? Hoffentlich auch erholsam. Die letzten Tage vor den großen Ferien im Sommer sind mittler-weile fast schon so hektisch wie vor Weihnachten. Aber dann ist irgendwann doch Ferienzeit. Wie war’s bei dir? Gab es Zeit für Ruhe und Erholung? Gut gechillt? Ich hoffe doch. (Zeit geben, die Tage Revue passieren zu lassen, evtl. sich gegenseitig erzählen.)

Ferienzeiten sind ein willkommener Ausgleich. Idealerweise sind sie Zeit für Erholung. Das ist wie bei einer Waage, wenn sich beide Waagschalen auf gleicher Höhe befinden (evtl. eine Waage zeigen). In der einen Waagschale liegen Arbeit, Stress, Termindichte, Anspannung – schwerwiegend und manchmal belastend und ungesund. Da braucht es als Gegengewicht anderes, was in die Waagschale geworfen wird: Ruhe, in den Tag hineinleben, Nichtstun, Entspannung. Das tut gut.

Im Buch des Predigers Kohelet steht: »Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.« (Koh 4,6) Ein Satz, über den es sich lohnt nachzudenken – nicht nur, aber gerade zu Ferienzeiten.

Denn es ist zwar so, dass die ganze Terminhatz vor freien Tagen irgendwie bedrängt, aber wenn ich genauer hinschaue, dann entdecke ich, dass im Grunde das ganze Jahr eine einzige Hetzerei ist. Immer mehr Anforderungen, viele Dinge laufen gleichzeitig. Immer schneller, immer mehr. Auch das, was ich will, wenn ich mich an Anderen orientiere. Die haben immer mehr Geld, mehr Erfolg, mehr Freizeit. Vieles ist spannend, aber eben auch anspannend. Und die Sehnsucht nach mehr Ruhe wächst in mir.

Da spricht der Prediger wahre Worte: »Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.« (Koh 4,6)
Aber wie soll das gehen angesichts dessen, was alles zu tun ist? Wenn ich gearbeitet habe, dann will ich auch noch etwas für mich oder mit anderen machen. Doch das strengt auch an. Es gibt Tage, da stehe ich fast genauso müde auf, wie ich mich abends zuvor ins Bett gelegt habe. Wo ist Ruhe? Wenn ich nicht abschalten kann, beschäftigen mich Dinge, die ich den Tag über erlebt habe, auch nachts. Die Gedanken geben keine Ruhe und meine Stimmung geht in den Keller. Ich würde auch so gerne etwas mit anderen unternehmen, aber ich habe dafür keine Zeit oder nicht genug Kraft.

Aber warum mache ich da eigentlich mit, in diesem Hamster-rad von Arbeit und Freizeit? Der Prediger sagt, das ist doch eigentlich nur ein Haschen nach dem Wind. All das ist, so meint der Prediger, nichts Wesentliches, im Grunde nichts wert.

»Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.« Ein Satz wie ein Bild, das gleich weitere Bilder in Gedanken zeichnet. Das eine Bild, das ich vor Augen habe, zeigt eine offene Hand, in der die Ruhe sich ausruht. Und das andere Bild zeigt zwei Fäuste, die verkrampft etwas festhalten. Beide Hände voll – voll mit Arbeit. Wenn sie geöffnet werden, würde das Festgehaltene vielleicht herunterfallen. Aber wenn mindestens eine Hand offen wäre, könnte sie etwas empfangen, sich für Neues öffnen.

(Dieses beschriebene Bild könnte auch direkt in der Andacht vorgeführt werden oder in einer Übung [s. u.] mit allen ausprobiert werden.)
Zusätzliche Gestaltungsidee-Übung »Alle Hände voll«: Wenn man alle Hände voll hat, dann kann man nichts mit offener Hand empfangen.

Bitte die Teilnehmenden, möglichst viele Gegenstände in die Hände zu nehmen (darauf achten, dass keine zerbrechlichen Gegenstände oder gefährlichen Gegenstände gewählt werden, die verletzen könnten).

Wenn alle ihre Hände voll haben, teile Süßigkeiten aus. Bitte die Teilnehmenden, eine Hand offen auszustrecken, um die Süßigkeiten zu empfangen. Wenn sie an den Gegenständen festhalten, dann können sie nicht empfangen. Wenn sie alle Gegenstände in einer Hand tragen, dann wird die Belastung zu groß oder es fällt etwas aus der Hand.

Die Übung kann noch erschwert werden, wenn man die Teil-nehmenden bittet, in eine Hand umzuschichten oder umher-zugehen, vielleicht sogar um Hindernisse herum. Dann ist das Festhalten mit einer Hand nicht mehr so leicht. Da hilft vermutlich nur loslassen, um eine Hand freizubekommen und zu empfangen.

In einem nächsten Schritt werden die Teilnehmenden gebeten, Gegenstände abzugeben, um wieder mehr Freiheit und Offenheit zu haben. Dann ist die Hand frei, in die eine Süßigkeit gegeben wird.

Nach der Übung schließt sich eine Reflexionsphase an. Die Teilnehmenden werden nach ihren Erfahrungen gefragt. Was ist dir schwergefallen? Wo lag die Herausforderung? Vielleicht kann auch eine Übertragung in den Alltag gemacht werden.

Lagom – Die Kunst des Maßhaltens
In der schwedischen Kultur gibt es ein wunderbares Konzept namens lagom, das »genau richtig« bedeutet. Lagom lehrt uns, dass es wichtig ist, im Leben Balance zu finden, weder zu viel noch zu wenig zu tun. Es geht darum, in allen Lebensbereichen Maß zu halten und Zufriedenheit in der Mitte
zu finden. Dieses Prinzip entspricht der Weisheit, die uns Kohelet 4,6 vermittelt.

»Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.«
Es ist wichtig, Balance zu halten. Arbeit ist wichtig, um unsere Ziele zu erreichen und uns erfüllt zu fühlen. Doch wenn wir zu viel arbeiten, kann das zu Stress und Burnout führen. Auf der anderen Seite ist Ruhe notwendig, um uns zu erholen und neue Energie zu tanken. Doch zu viel Ruhe kann zu Faulheit und Unzufriedenheit führen. Es braucht eine Balance zwischen Arbeit und Ruhe, um ein erfülltes Leben zu führen.

Praktische Übung: Die Balance finden
Lasst uns eine praktische Übung machen, um diese Balance in unserem Alltag zu finden:

  1. Reflexion:
    Nimm dir einen Moment Zeit und denke über deine aktuelle Balance zwischen Arbeit und Ruhe nach. Schreib auf, wie viel Zeit du dir täglich für Arbeit und wie viel für Ruhe und Erholung nimmst.
  2. Analyse:
    Schau dir deine Auflistung oder deinen Terminkalender an. Überlege, ob du in einem der beiden Bereiche zu viel oder zu wenig Zeit hast. Prüfe, ob du Gefahr läufst, in einem Bereich in Übertreibung zu geraten. Markiere das.
  3. Anpassung:
    Schau auf die nächsten Tage und überlege, ob und was du ändern möchtest. Setze dir konkrete Ziele, um deine Balance zu verbessern. Wenn du zu viel arbeitest, plane regelmäßige Pausen und Freizeitaktivitäten ein. Wenn du aus deiner
    Sicht zu viel ruhst, setze dir kleine, erreichbare Arbeitsziele. Notiere dir konkrete Ziele, die du in den nächsten Tagen auch umsetzen kannst (z. B. zwei Ziele für die nächsten beiden Wochen).
  4. Lagom-Prinzip anwenden:
    Erinnere dich daran, dass es nicht darum geht, besser zu sein als die anderen, mehr zu arbeiten, perfekt zu sein, sondern ein »genau richtig« in Balance zu finden. Strebe nach einem ausgewogenen Leben, in dem du sowohl produktiv als auch entspannt bist. Gehe die Schritte immer mal wieder durch.
    »Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.« (Koh 4,6)

Abschluss
Nimm dir noch einen Moment Zeit, denke an das, was dir wichtig geworden ist. (Pause.) Schreibe es auf einen Zettel und falte ihn, bis er in deine Hand passt. Schließe dann deine Hand. Wenn du nichts aufschreiben möchtest, dann lege die Gedanken in deine Hand und schließe sie (abwarten, bis alle eine geschlossene Hand haben).

Nun öffne die andere Hand und strecke sie mit der Handfläche nach oben aus. Schau sie an. Deine Hand ist geöffnet, offen für Neues. Sie hält nichts fest. Sie ist ganz locker und unverkrampft. Ein wenig sieht sie aus wie eine Schale. Sie kann empfangen. Du kannst empfangen. Empfangen, was du dir selbst nicht geben kannst, das mehr ist, als von der einen Hand etwas in die andere zu legen. Sie ist offen, etwas zu empfangen, was dir guttut. Vielleicht ist es eine andere Hand, die Hand eines anderen Menschen, die sich in deine legt. Du bist nicht allein. Vielleicht wird dir etwas geschenkt, was du gebrauchen kannst. Etwas Gutes, gute Worte. Oder einfach nur Ruhe. Eine offene Hand kann empfangen. Du kannst etwas erwarten. Nach oben offene Hände symbolisieren Offenheit und Erwartung, von oben möge Gott etwas hineinlegen – seinen Segen. Hab’ eine Hand geöffnet, so bist du empfangsbereit für Gottes Segen.

Amen

Matthias Rumm
Landesjugendpfarrer in der Evangelischen Landeskirche Württemberg

 

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