Andachten aus Bibel AnDenken

Die Reihe "Bibel AnDenken" erscheint in gemeinsamer Herausgeberschaft der aej mit der Konferenz der Landesjugendpfarrerinnen und Landesjugendpfarrer in der Bundesrepublik Deutschland. Sie bietet Andachtsentwürfe, Materialien für Gruppenstunden und Freizeiten, Lieder, Informationen zur Jahreslosung und Monatssprüchen.

Cover Bibel AnDenken 2026
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Juli 2026
Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach Am 5,24

Andacht Juli 2026

Lass mal baden gehen
Endlich angekommen, auf unserer Sommerfreizeit im Süden. Unser Haus ist bezogen, Gepäck verstaut. Jetzt kann der Urlaub beginnen. Das ganze Jahr haben wir auf diese Zeit hingefiebert. Urlaub, Sonne, nette Gemeinschaft, die Seele baumeln lassen. Nach ein paar Ansagen war unser erster Programmpunkt klar: Wir gehen schwimmen! Hinter dem Haus, vorbei am kleinen Hügel verläuft ein Fluss mit Badestelle. Die Vorfreude ist groß: nach den Strapazen der langen Fahrt eintauchen in das frische Wasser, den feuchten Sand zwischen den Zehen spüren. Die Mühen der letzten Wochen abfließen lassen. Mit einem Sprung in den Urlaub!

So war der Plan, und nun? Als die Ersten von uns am Ufer ankommen, Entsetzen: Am Strand des Flusses steht ein Schild, ganz neu. In den letzten Jahren stand es nie dort! In großen Buchstaben ist zu lesen: Baden verboten!
» Wie bitte?« Entsetzen ist spürbar.
»Baden verboten? Hier und jetzt? Bei diesem Wetter? Für uns, die wir uns doch so sehr auf dieses Bad, auf diesen Urlaub gefreut haben?«

Einer ersten Irritation folgen Ratlosigkeit und schließlich Wut. »Was für eine Sauerei!  Baden verboten. Wie ungerecht!«

Da ist zumindest erstmal die Stimmung im Eimer. Aber was ist es denn, das wir als ungerecht empfinden? Ist es die Enttäuschung über diesen unerfüllten Schwimmwunsch? Oder ist es eher das Ignorieren unserer Bedürfnisse?  Wenn ich diesen Gedanken nachgehe, begegnen mir  unterschiedlichen Spuren.

Unerfüllte Wünsche – die begegnen mir immer wieder mal. Auch wenn sie zu großen und kleinen Enttäuschungen führen, erlebe ich sie als individuelle Erfahrung, die mich als Person aber nicht grundsätzlich in Frage stellt. Oftmals sind es eher so Nice-to-have-Momente. Der gleiche Wunsch könnte beim nächsten Mal durchaus erfüllt werden.

Ungerechtigkeit betrifft mich jedoch nicht nur als Einzel-person. Ihre Bedeutung und Tragweite scheinen größer.  
Wo Unrecht geschieht, sind nämlich auch andere beteiligt – durch ihre Taten, Worte oder Schweigen. Sie verweigern mir, ein gleichbeRECHTigter Teil einer Gemeinschaft zu sein.  Nicht nur in diesem Moment, sondern grundsätzlich.

Und dann kommt dieses Gefühl hoch: »Das ist nicht fair!«

Dieses Gefühl, dass es nicht fair zugeht, erleben Menschen immer wieder. Sei es, dass Menschen auf Grund ihrer Herkunft und Hautfarbe, auch im kirchlichen Kontext, Ausgrenzung erfahren. Dass vielerorts noch immer die geschlechtliche Identität queerer Menschen missachtet und ihr Eintreten für mehr Gerechtigkeit im Rahmen von Pride-Paraden verboten wird. Dass von Armut betroffene Kinder und Jugendliche noch immer über geringere Bildungschancen verfügen als ihre Mitschüler*innen aus vermögenden Haus-halten. Für sie ist mitunter ein Badeurlaub kaum zu finanzieren. Da regt sich das Gefühl: »Das ist nicht fair!«
Nicht ausnahmsweise, sondern regelmäßig werden sie aus-geschlossen, benachteiligt und missachtet. Sie alle eint ein ungestillter und tiefer Durst nach Gerechtigkeit. Nach einer Welt, in der es gerecht zugeht. In der jede*r zählt. Jede*r gesehen wird. Jede*r fair behandelt wird.

Ein Mann, der diesen Durst beim Namen nennt, ist der Prophet Amos. Er lebte vor etwa 2.800 Jahren in Israel – einem Land, das auf den ersten Blick gut dasteht. Der Reichtum wächst, die Menschen feiern Feste, die Tempel sind voll. Und doch brodelt es unter der Oberfläche.

Denn: Es geht nicht gerecht zu. Die Reichen beuten die Armen aus. Gerichte urteilen nicht fair. Wer laut ist, bekommt Recht – wer leise ist, bleibt unsichtbar. Und dann kommt Amos. Kein Tempelpriester, kein Studierter. Sondern ein Viehzüchter vom Land. Und er spricht Klartext. Im Namen Gottes sagt er:

Stattdessen will ich, dass das Recht fließt wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.« (Amos 5,24)

Was für ein Bild: Recht, das fließt. Gerechtigkeit, die nicht versiegt. Nicht ein bisschen Fairness da und dort. Nicht gelegentlich mal ein netter Akt des Wohlwollens. Gerechtigkeit soll jedem Menschen zuteilwerden. Wie Wasser unseren Durst nach Leben stillt, soll Gerechtigkeit fließen wie ein nie versiegender Bach. Kraftvoll. Dauerhaft. Unaufhaltsam, unverzichtbar und lebensnotwendig. In jeden noch so kleinen Winkel unserer Gesellschaft hinein soll es gerecht zugehen.

Amos erinnert uns daran: Gottes Gerechtigkeit ist so viel mehr als unsere Enttäuschung über ein »Baden verboten«; sie ist Zusage und Versprechen, aber auch Einladung und Auftrag, das Leben gerecht, mitfühlend und verantwortungs-voll zu gestalten. Im Großen: indem Menschen ihre politische Beauftragung nutzen, um eine klimagerechte Politik zu gestalten. Und im Kleinen: indem ich meine persönliche Verantwortung dafür erkenne und wahrnehme.

Gottes Einladung steht: Werde Teil dieses Stroms und werde aktiv, dass Gerechtigkeit werde. Auch durch dich.

  • Wenn du nicht mitlachst, wenn andere runtergemacht werden.
  • Wenn du hinschaust, wo andere wegsehen.
  • Wenn du Ungerechtigkeit benennst –auch wenn es Mut kostet.
  • Wenn du bei dir selbst anfängst:
    fair handeln, ehrlich sein, respektvoll leben.

Das ist nicht immer spektakulär. Oft ist es leise, mutig, manchmal unbequem. Aber es ist echt. Gott traut dir zu, dass du ein Teil dieses, seines Stroms bist. Ein Tropfen.
Ein Anfang. Ein Impuls.

Du musst nicht die ganze Welt verändern – aber du kannst dafür Sorge tragen, dass Gerechtigkeit bei dir nicht versiegt.

Gestern sind wir übrigens nochmal zum Fluss gegangen, wir wollten zumindest am Ufer sitzen und aufs Wasser schauen. Das »Baden-verboten«-Schild stand dort jedoch nicht mehr. Es hieß, die Uferarbeiten seien abgeschlossen, nun liegt es abmontiert im hohen Gras. Endlich freie Bahn, ins Wasser. Was folgt: ein erfrischender Nachmittag am Fluss. Was bleibt: die Erfahrung, einen Tag auf dem Trockenen zu sitzen, das ist nicht schön, haut uns aber auch nicht um. Denn trotzdem erleben wir eine gute und erfüllte Zeit miteinander. Dieses Geschenk dürfen wir dankbar annehmen. In diesem Geschenk entdecken wir auch eine Portion Verantwortung. Dass wir uns eben nicht in unserer persönlichen Erfüllung, unserem eigenen Glück zurücklehnen, sondern aufmerksam bleiben. Aufmerksam für die, die ihre Situation eben nicht als erfüllt erleben. Die tatsächlich auf dem Trockenen sitzen, die unter Ausgrenzung leiden und Ungerechtigkeit erfahren. Für uns ist Gerechtigkeit Geschenk und Aufgabe, dass das Recht fließt wie Wasser, für jede und jeden, wie ein nie versiegender Bach.
Amen

Landesjugendreferent in der Lippischen Landeskirche

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