Andachten aus Bibel AnDenken

Die Reihe "Bibel AnDenken" erscheint in gemeinsamer Herausgeberschaft der aej mit der Konferenz der Landesjugendpfarrerinnen und Landesjugendpfarrer in der Bundesrepublik Deutschland. Sie bietet Andachtsentwürfe, Materialien für Gruppenstunden und Freizeiten, Lieder, Informationen zur Jahreslosung und Monatssprüchen.

Cover Bibel AnDenken 2026
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Juni 2026
Denkt an die Gefangenen, als ob ihr mit ihnen im Gefängnis wärt. Denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt in einem verletzlichen Körper Hebr 13,3

Andacht Juni 2026

»Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr mit ihnen im Gefängnis.« Was für ein Satz. Gefangene? Gefängnis? Und ich mittendrin? Klingt weit weg. Ist fremd. Betrifft mich nicht. Ich bin nicht kriminell. Und schnell hab ich mich abgegrenzt. Denn: Ich bin gut! Und ins Gefängnis sperrt man die Bösen. Oder? »Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr mit ihnen im Gefängnis.« Meine Klarheiten lösen sich auf. Die Welt ist komplizierter als gedacht. Hinter Mauern und Gittern sind Menschen. Menschen mit einer Geschichte. Mit einem Schicksal. Menschen wie du und ich. Mir kommt der Gedanke: Ich bin nicht besser, ich hatte Glück.

Grenzen auszuloten, gegen Regeln zu verstoßen, ist Teil des Erwachsenwerdens. Kein Zeichen von »Bösartigkeit«, nein, sondern ein ganz normaler Schritt in der Entwicklung. Manche rutschen dann tiefer rein und nicht wieder raus, weil sie in schwierigen Verhältnissen leben – Armut, Stress und daneben keine Perspektive. Da reicht ein einziger Fehler, um in die Spirale zu geraten. Dann folgen Taten und man darf nichts verraten und andere beraten über das eigene Leben. Längst liegt es nicht mehr in der eigenen Hand und ein junger Mensch fährt gegen die Wand.

Ich bin nicht besser, ich hatte Glück …

Es gibt Mütter, die im Gefängnis sind. Viele haben nie erlebt, wie gute Beziehungen funktionieren. Sie organisieren das Leben ihrer Kinder aus der Ferne, verlieren die Hoffnung auf eine gemeinsame Zeit. Sie haben Fehler gemacht – keine Frage. Aber sie tragen auch schwere Last: Schuldgefühle, Angst vor der Zukunft und das Wissen: Komm ich hier raus, fehlt mir draußen jede Unterstützung.

Und ich lerne: Menschen im Gefängnis sind nicht die anderen«. Sind wie du und ich – mit Hoffnungen, Ängsten, Sehnsüchten. Flüchten in Träume und hoffen auf Rückkehr ins Leben. Brauchen Menschen neben sich.  Menschen, die an sie denken. Die den Blick darauf lenken, dass neben Schuld, Strafe und Knast noch so viel mehr ist.

Ich bin nicht besser, ich hatte Glück. Mein Weg nahm vielleicht steile Kurven, aber ich konnte sie meistern – mit Menschen an meiner Seite. Was wäre, wenn ich aus der Kurve geflogen wäre? Ich bin nicht besser, ich hatte Glück. Hinter Gittern sind Menschen. Verletzlich und voller Fehler. Wir sind verbunden – durch unsere Sehnsucht nach der zweiten Chance.

Gemeinschaft zeigt sich nicht in perfekten Lebensläufen. Sondern in der Bereitschaft, füreinander da zu sein – auch wenn’s schwierig wird. Wenn einer Scheiße baut. Wenn es eine aus der Kurve haut. Und wir für sie da sind.
Amen

Ragna Miller, Landesjugendpastorin der Bremischen Evangelischen Kirche
 

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