Veranstaltungsbericht zur Fachtagung "Warum wir eine rassismuskritische Perspektive brauchen. Gesellschaftliche Verantwortung und Kirche."

„In der Mehrheit der Bevölkerung haben sich Vorbehalte gegenüber Muslim*innen und ihrer Religion festgesetzt. Vorbehalte werden als solche häufig gar nicht mehr erkannt, weil sie über die Zeit für Tatsachen gehalten werden“, konstatiert Dr. Yasemin El-Menouar von der Bertelsmann-Stiftung in ihrem Grußwort in der Friedrichstadtkirche auf dem Berliner Gendarmenmarkt. Vorurteile stellten eine Bedrohung für die Demokratie dar und zeigten sich „im Alltäglichen, im Vertrauten – möglicherweise in der eigenen Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, in der Schule oder in der eigenen Gemeinde.“ Dort blieben sie oft unerkannt – oder unwidersprochen.

Fachtagung der aej im KNW-IMF und der EAzB am 24. März 2022, Berlin

Fachtagung der aej im KNW-IMF und der EAzB am 24. März 2022, Berlin

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Es sind genau jene alltäglichen Momente, in denen rassistische Aussagen und diskriminierendes Verhalten stillschweigend hingenommen werden, die zu einem gesellschaftlichen Klima beitragen, in dem sich nicht jede*r zugehörig fühlen kann. Die gemeinsame Fachtagung der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland (aej) als Partner im Kompetenznetzwerk Islam- und Muslimfeindlichkeit (KNW-IMF) und der Evangelischen Akademie zu Berlin (EAzB) schuf einen Diskussionsraum, in dem Multiplikator*innen der Kinder- und Jugendarbeit und Vertreter*innen von Kirche kritisch auf die kirchlichen Strukturen blicken konnten. Die dem Tagungsprogramm zugrunde liegende Frage war, wie es derzeit in kirchlichen Räumen um eine rassismuskritische Perspektive bestellt ist.

Den Ausgangspunkt zu der Fachtagung bildete die repräsentative Studie zur Verbreitung islamfeindlicher Einstellungen unter jungen Menschen, die die aej als Partner im KNW-IMF im vergangenen Jahr durchgeführt hat. Neben der repräsentativen Stichprobe wurden auch junge Menschen aller Mitgliedsverbände der Evangelischen Jugend befragt; die Ergebnisse dieser zweiten Stichprobe standen im Fokus der Tagung. Petra-Angela Ahrens vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD präsentierte dem Publikum die wichtigsten Erkenntnisse der Studie, die sie zusammen mit Olga Janzen von der aej durchgeführt hat. So wurde anhand der Daten deutlich, dass die aej-Stichprobe im Vergleich zur repräsentativ-Stichprobe zwar insgesamt geringere Ausprägungen von islamfeindlichen Einstellungen aufweist, jedoch auch 20% der befragten evangelischen Jugendlichen die islamfeindlichen Aussagen unterstützten, wonach Muslim*innen sich vermeintlich von der Mehrheitsgesellschaft segregierten und Frauen durch den Islam unterdrückt seien. Die insgesamt geringeren Zustimmungswerte in Bezug auf Vorurteile erklären sich zudem maßgeblich durch soziodemografische Faktoren sowie den Umstand, dass sich die Befragten der aej politisch als stärker links der Mitte einordnen. An Risikofaktoren für eine Zustimmung zu islamfeindlichen Einstellungen nannte Petra-Angela Ahrens eine stärkere Religiosität sowie insbesondere ein exklusives Religionsverständnis, das anderen Religionen jeden Wahrheitsgehalt abspricht.

In einem anschließenden Input von aej-Generalsekretär Michael Peters reagierte dieser auf die Ergebnispräsentation, indem er der Evangelischen Jugend die gesellschaftliche Verantwortung zur rassismuskritischen Selbstreflexion attestierte: „Wir bekommen einen Spiegel vorgehalten, dass wir uns nicht raushalten können aus gesellschaftlichen Diskussionen um Rassismus.“ Erste Schritte zur Einübung einer rassismuskritischen Perspektive in der Evangelischen Jugend sehe er primär in der Weiterbildung der hauptamtlichen Mitarbeiter*innen, gefolgt von den ehrenamtlichen Gruppenleiter*innen und jugendpolitischen Gremien. Insgesamt müsse sich im Verband die Haltung etablieren, dass Rassismus nicht unwidersprochen bleiben könne, wenn er artikuliert werde. Petra-Angela Ahrens ergänzte in der Diskussion, dass die rassismuskritische Bildung „auch in der Aus- und Fortbildung verankert werden müsse, wenn die kirchlichen Räume künftig diskriminierungsfrei gestaltet werden sollen.“

Nach einer Kaffeepause fand auf der Bühne das Abschlusspodium mit Dennis Sadik Kirschbaum von JUMA e.V.; Hansjörg Kopp, dem Vorstandsvorsitzenden der aej; Lý-Elisabeth Dang, Theologin und Mitglied der EKBO Antira-Gruppe sowie Dr. Eske Wollrad, Theologin und Geschäftsführerin des Evangelischen Zentrums Frauen und Männer, statt. Die Panelisten tauschten sich darüber aus, wie sich kirchliche Strukturen aus einer rassismuskritischen Perspektive aktuell beschreiben lassen und wie Lösungsstrategien aussehen könnten. Dabei zeigte sich, dass die Erfahrungen je nach Positionierung sehr unterschiedlich ausfallen können: Während Lý-Elisabeth Dang den Wunsch zum Ausdruck brachte, sich als christliche BIPoC „in kirchlichen Räumen wohler und gesamtgesellschaftlich überhaupt sicher fühlen zu können“, stellte Hansjörg Kopp fest, dass sich die Evangelische Jugend „aktuell noch im Stadium von Anerkennen, Lernen, Sprache einüben“ befinde. Er frage sich, wie der Verband von da zu einer echten rassismuskritischen Haltung kommen könne.

Eske Wollrad erklärte die Herausforderung für kirchlichen Strukturen beim Versuch, eine rassismuskritische Perspektive einzunehmen, durch die Selbstpositionierung von christlichen Akteur*innen: „Wir sind die Guten. Und wir helfen gern.“ Diese Haltung dominiere in kirchlichen Strukturen und sei aus rassismuskritischer Perspektive problematisch, weil sie den Blick auf eigene kritische Anteile versperre und in Begegnungen mit BIPoC die Dominanz und Deutungshoheit trotzdem stets bei kirchlichen Akteur*innen liege. In diesem Sinne appellierte auch Dennis Kirschbaum an die Teilnehmer*innen der Fachtagung, „Rassismus aktiv zu verlernen und dies als lebenslange Aufgabe zu verstehen.“

Insgesamt machte die Fachtagung deutlich, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Verstrickung in strukturellen Rassismus und diskriminierende Alltagspraxen im kirchlichen Kontext noch am Anfang steht. Die Diskussionsbeiträge der Panelisten und des Publikums machten deutlich, dass es noch viele offene Fragen gibt, die künftig von den unterschiedlichen Organisationsebenen der kirchlichen und Jugendverbandsstrukturen beantwortet werden müssen. Erfreulich ist jedoch, dass sich dem Thema der rassismuskritischen Öffnung bereits einige Akteur*innen angenommen haben und die Auseinandersetzung als wichtiges Lernfeld erkannt wurde.

Die Fachtagung wurde von Nathaly Kurtz moderiert, es nahmen insgesamt 50 Personen teil.


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