Andachten aus Bibel AnDenken

Die Reihe "Bibel AnDenken" erscheint in gemeinsamer Herausgeberschaft der aej mit der Konferenz der Landesjugendpfarrerinnen und Landesjugendpfarrer in der Bundesrepublik Deutschland. Sie bietet Andachtsentwürfe, Materialien für Gruppenstunden und Freizeiten, Lieder, Informationen zur Jahreslosung und Monatssprüchen.

Cover BA 2022
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November 2022
Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen! Jes 5,20

»Hallo, wie geht´s dir?«

Was würdest du montags antworten?
Die kurze Antwort: »Gut.«

Die Gegenfrage: »Willst du es wirklich wissen?«

Die perfekte Antwort: »Mir geht es super. Ich hatte ein tolles Wochenende. Den Samstag habe ich mit meinem Freund verbracht. Wir hatten mega viel Zeit miteinander. Und am Sonntag waren wir bei meiner Oma. Ich bin so froh, dass ich sie mal wieder gesehen habe. Absolut perfekt.«

Die ehrliche Antwort: »Weißt du, ich habe ein richtig anstrengendes Wochenende hinter mir. Am Samstag war ich bei meinem Freund. Wir haben stundenlang rumdiskutiert. Er will nicht, dass ich zu Fridays for Future gehe. Er meint, mit dem Klimawandel, dass hätten sich bloß ein paar Leute ausgedacht, das wäre absolut albern. Ich musste mir mit ihm dann noch Youtube-Videos anschauen von Kanälen, die ich bis dahin nicht kannte. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was für dummes Zeug dort über unsere Bewegung verbreitet wird. Ich glaube, unsere Freundschaft steht kurz vor dem Aus. Und der Sonntag? Der war nicht besser. Ich habe endlich mal wieder meine Oma gesehen. Ich war lange nicht bei ihr. Aber ich habe sie kaum wieder erkannt. Sie sah so eingefallen aus. Ich glaube, sie merkte gar nicht, dass ich da bin. Meine Eltern meinten, sie wird bald sterben. Vielleicht habe ich sie das letzte Mal gesehen. – Ach, und: Über die Schule will ich gerade nicht reden.«
»Hallo, wie geht’s dir?« Ein Wochenende. Eine Person. Vier Antworten.
Welche könnte die richtige sein?

Im Buch des Propheten Jesaja gibt es einen bemerkenswerten Satz:
»Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen!« (Jes 5,20).
Propheten wie Jesaja hatten die Aufgabe, den Menschen Botschaften von Gott zu übermitteln. Und manchmal waren es sehr unbequeme Nachrichten, in diesem Fall an die führenden Köpfe von Juda, die in Jerusalem lebten.

Jesaja wirft ihnen vor, dass sie ihre Lage völlig falsch einschätzen. Sie meinten damals mit zweifelhaften Militärbündnissen verhindern zu können, dass sie im Machtgerangel der Nachbarländer unter die Räder kommen. Sie redeten sich eine aussichtslose Situation schön und sie redeten das auch ihrem Volk ein. Augenwischerei. Absoluter Realitätsverlust. Ganz im Sinne von Pipi Langstrumpf: »Ich mach’ mir die Welt widde-widde wie sie mir gefällt.« Aber ihre Welt war anders. Sie hatten sich verspekuliert. Sie wussten keinen Ausweg mehr. Sie hatten keinen Plan. Sie konnten nur die Ausgangslage schön reden. Dann würde es schon irgendwie werden und vorbei gehen.

Jesaja wirft ihnen nicht nur vor, dass sie die Lage falsch einschätzten, sondern dass sie die Orientierung verloren hatten. Der Blick auf das manchmal nicht so schöne »life« ist leichter, wenn ich dabei Gott auf Plan habe und sozusagen ihn in die Gesamtbewertung meiner Situation einbeziehe. Den einflussreichen Leuten von Juda ging das damals ab. Sie hatten ihre Orientierung an Gott aufgegeben.

Natürlich ist es schöner, wenn man seinen Freunden vermitteln kann: Ich bin gut drauf. Das Leben läuft. Natürlich treibt uns die Vermutung, dass es keinem so mies geht wie uns selber. Natürlich beschleicht uns die Angst, dass wir mit unseren Sorgen anderen nur auf den Wecker fallen und sie sich von uns abwenden. Die Realität können wir damit aber nicht verändern. Die Realität verändert sich erst, wenn wir nicht nur bei unserem eigenen Blick auf unser Leben bleiben, sondern wenn wir für das Gesamtbild den Blick Gottes auf unser Leben mit einbeziehen.

Ich schlage dir vor: Wenn du das nächste Mal gefragt wirst, wie es dir geht, solltest du nicht antworten, bevor du Gott gefragt hast: »Hallo, wie geht’s mir, Gott? – Du weißt doch, wie mein Freund tickt und dass wir uns in den Haaren liegen. Du weißt doch, wie schwer es mir fällt, von meiner Oma Abschied zu nehmen. Du kennst doch meine Lage in der Schule. Was denkst Du?« Und Gott würde vielleicht antworten: »Ja, dich hat es wirklich ganz schön erwischt. Ja, ich sehe, wie du kämpfst. Aber: Ich habe dich gemacht. Ich werde dich nicht fallen lassen. Ich werde an deiner Seite bleiben. Ich gehe mit dir durch dick und dünn. Auf mich kannst du zählen. Darum musst du niemandem etwas vormachen.«

Georg Zimmermann
Landesjugendpfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens

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