Andachten aus Bibel AnDenken

Die Reihe "Bibel AnDenken" erscheint in gemeinsamer Herausgeberschaft der aej mit der Konferenz der Landesjugendpfarrerinnen und Landesjugendpfarrer in der Bundesrepublik Deutschland. Sie bietet Andachtsentwürfe, Materialien für Gruppenstunden und Freizeiten, Lieder, Informationen zur Jahreslosung und Monatssprüchen.

Cover BA 2022
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Juni 2022
Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod. Hld 8,6

Ode an die freie Liebe
Andacht

»Liebe ist stark wie der Tod!«
Wow!
Was für ein Satz!
… stark wie der Tod!

Andacht
Wir denken vielleicht nicht gerne an den Tod – aber bei diesem Vergleich sollten wir es einen kurzen Augenblick tun! Was macht den Tod denn so stark? Keiner kann ihm entrinnen. Er betrifft jeden Menschen – ob der das nun will oder nicht. Und das gilt auch für die Liebe! Wir können das ruhig noch einmal durchbuchstabieren! Kein Mensch kann der Liebe entrinnen! Sie betrifft jeden Menschen. Ob der will oder nicht!

Und mit Liebe ist genau das gemeint: erotische Liebe, verliebt sein, einen anderen Menschen wundervoll finden, an nichts anderes mehr denken, Schmetterlinge im Bauch … Irgendwann erwischt es jeden! Heißt: Liebe ist eine Naturgewalt. Sie gehört zum menschlichen Leben wie der Vulkanausbruch zur Geologie der Erde oder der Orkan zum Wetter.

Das Hohelied, aus dem dieser bemerkenswerte Satz stammt, hat tatsächlich dieses eine Thema. Die Liebe zweier Menschen zueinander in ihrer frischesten Art, ihre Faszination aneinander, ihre Sehnsucht nacheinander, nach dem Körper, dem Geist, der Seele des anderen, nach Zweisamkeit an entlegenen Orten.

Gefühle sind erlaubt! Sie stehen nicht zur Debatte, sondern sind da und wollen zum Ausdruck gebracht werden. Bedenkenträger sind nicht vorgesehen. Es gibt keine gültige Form, die eingehalten wird. Die beiden Geliebten sind zum Beispiel nicht verheiratet, obwohl die Gesellschaft, in der sie lebten, das erwartet hätte. Und das ist gut so! Denn Ehe bedeutete damals, dass man Ansprüche aneinander stellen konnte. Die Frau war Besitz des Mannes und hatte seine Erwartungen zu erfüllen.

Das gibt es in dieser Liebe nicht. Der Verliebte wirbt und hofft, dass er beschenkt wird. Die Liebe und alle ihre Ausdrücke sind Geschenke, auf die das Gegenüber keinen Anspruch hat. Heißt umgekehrt: Du musst deiner großen Liebe nichts beweisen. Und wer irgendetwas von dir als Beweis deiner Liebe verlangt, der hat die Liebe nicht verstanden.

Das ist freie Liebe, wie das Hohelied sie versteht. Weil du frei bleibst in deiner Liebe. Und diese Liebe ist stark wie der Tod.

Gibt es für diese Liebe ein Zeichen? Die Geliebte im Hohelied wünscht sich, wie ein Siegel auf dem Herzen oder am Arm getragen zu werden. Das hört sich komisch an, ist aber total romantisch. Denn das Siegel bestätigt zum Beispiel, dass ein Brief von einem ganz bestimmten Adressaten kommt.
Die Geliebte sieht sich (und ihr Glück) als Beweis für die echte Liebe ihres Geliebten, der wirbt ohne Anspruch zu erheben und selber glücklich wird durch das, was sie schenkt. Wenn das mal nicht wahre Liebe ist!

Und weil die Liebe Euch ohnehin ereilen wird wie eine Naturgewalt, wünsche ich euch, dass ihr so eine Liebe findet!

Uwe Andratschke
Landesjugendpastor in der Bremischen Evangelischen Kirche

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