Andachten aus Bibel AnDenken

Die Reihe "Bibel AnDenken" erscheint in gemeinsamer Herausgeberschaft der aej mit der Konferenz der Landesjugendpfarrerinnen und Landesjugendpfarrer in der Bundesrepublik Deutschland. Sie bietet Andachtsentwürfe, Materialien für Gruppenstunden und Freizeiten, Lieder, Informationen zur Jahreslosung und Monatssprüchen.

Cover BA 2022
Seite weiterempfehlen Seite Drucken
Januar 2022
Jesus Christus spricht: Kommt und seht! Joh. 1, 39

Schau nicht hin!
Schau nicht hin! Jedes Fenster ein Spiegel. Geh weiter, dreh den Kopf nicht zur Seite. Du weißt, dass es besser so wäre, aber das hältst du nicht durch. Du bist geübt in Seitenblicken. Unauffällig. Schnelle Wendung und wieder zurück. Kaum eine Scheibe, die du auslassen kannst. Du guckst, wieder und wieder. Was du darin siehst, gefällt dir nicht: zu dick, zu dünn, zu lang, zu kurz, zu pickelig, zu unauffällig, zu auffällig, zu hässlich – einfach zu … zu … – füge ein beliebiges Eigenschaftswort an. Es wird immer einen Makel beschreiben!

Im Netz hast du es mehr in der Hand. Du kannst dich verschönern: Falten weg, Gesicht schmaler, Wangenknochen höher, Augen leuchtender. Wenn du ehrlich bist, erscheinst du am Ende wie ein Zombie aus der Schönheitsindustrie. Alle sehen gleich aus. Gestylt, aber nicht mehr einzigartig. Wie aus der Stanzmaschine.

Du schaffst es nicht, dich gelassen anzusehen. Ständig überlegst du, was andere über dich denken. Dein Blick auf dich selbst sind in Wahrheit die Blicke der anderen. Du hast erlebt, wie weh fremde Blicke tun können: wie sie dich einsortieren, aussortieren, überwältigen, gering schätzen, verletzen. Du kannst kaum sagen, wer du bist, weil kein Blick dich wirklich erreicht. Sie streifen dich, berühren dich und gleiten nach kurzem schon weiter. Wenige Momente genügen für eine Einschätzung. Und dann kannst du machen, was du willst. Du bist bewertet. Auch wenn man dich für cool hält, dir ist klar: Du bist es nicht immer. An dir klebt ein Etikett, das mit dem eigentlichen Ich wenig zu tun hat.

Stell dir vor, eine*r würde dich fragen:
»Was willst du?«
Und du sagst:
»Ich weiß nicht. Ich habe Angst, dass ich durchschaut werde; dass man
sieht, ich bin gar nicht so, wie ich scheine. Alles nur Fake. Ich habe Angst,
dass die Oberfläche brüchig wird; dass die Fassade bröckelt.«

»Was willst du?«
»Ich möchte erkannt werden, nicht beurteilt. Man soll sehen, wer ich bin,
wie ich bin, was ich bin. Man soll mich sehen und sagen, du bist gut. Ich
mag dich. Toll, dass es dich gibt.«

Passiert nicht? Nur ein Traum?
Erinnere dich: es gibt nicht nur die bohrenden, beißenden Blicke – es gibt auch die warmen, zärtlichen, freundlichen. Denk dran, wie deine Freunde und Freundinnen dich sehen, deine Geschwister, deine Mutter, dein Vater. Klar, nicht andauernd. Und nicht in allen Familien läuft es rund. Aber eine oder einen gibt es eigentlich immer. Und Gott ist auch noch da und weiß, dass du toll bist.

Alles nur eine Frage der Perspektive!
Der Evangelist Johannes liefert ziemlich zu Anfang eine ganze Geschichte des Sehens. Er erzählt auf ganz besondere Weise von der Berufung der ersten Jünger. Bisher sind sie Anhänger von Johannes dem Täufer gewesen. Ein rauer, ziemlich ruppiger Typ. Zum Fürchten. Doch als der eines Tages Jesus begegnet, geht ihm sofort ein Licht auf. Weil in seinen Blick etwas einfließt, das ihn klarer sehen lässt: Liebe. So erkennt er, wer Jesus wirklich ist. Er lässt sich nicht täuschen von Äußerlichkeiten. Er ordnet nicht ein, sondern blickt bis auf den Grund. Jesus, der Mann, der die vollkommene Schutzlosigkeit leben wird und darin Gott nah ist wie sonst niemand.
Davon erzählt Johannes zweien seiner Anhänger, als sie an Jesus vorbeigehen. Die beiden verlassen ihren Meister und gehen Jesus nach. »Was sucht ihr?« fragt der. »Wo wirst du bleiben?« fragen sie. Und Jesus antwortet: »Kommt und seht!«

Eine grandiose Einladung. Übersetzt heißt sie: »Ich quatsch euch nicht voll. Überzeugt euch selbst. Ihr entscheidet!« Diese beiden Männer sehen, sehen genau hin, mit liebendem Blick und entscheiden sich dann fürs Bleiben. »Kommt und seht!« Das bedeutet: bleibt nicht an der Oberfläche hängen. Begnügt euch nicht mit dem Schein. Habt Interesse an der Person, die ihr anschaut. Liebe ist ein wunderbares Fernglas; Sympathie auch. Und wer freundlich hinsieht, befreit sich aus dem Konkurrenzkampf des endlosen Überlegener-, Schöner-, Cooler-Seins. Es gibt viel Besseres als das. »Kommt und seht!«

Na, und jetzt? Brauchst du weiterhin diese Blicke in die Fensterscheiben? Läufst du auch zukünftig im Hamsterrad der Beurteilungen? Oder kannst du dich davon freimachen? Wer ganz oben steht, sieht auf die anderen nur herab. Ziemlich öde, wenn man nie auf Augenhöhe kommt; wenn man nie entdeckt, wie jemand wirklich ist. Vergiss nicht: Es gibt Menschen, die dich mögen. Wahrscheinlich mehr als du meinst. Vielleicht gehörst auch bald du zu ihnen und siehst dich gnädiger an. Und denk dran: Einer hat schon vor allen Ja zu dir gesagt. Gott freut sich, dass es dich gibt. Wie wär’s, ihr freut euch gemeinsam? Amen

Wolfgang Blaffert
Referent für Theologie, Spiritualität, Jugendforschung, Fortbildung, Kulturarbeit und Übergänge Konfirmandenarbeit - Jugendarbeit im Landesjugendpfarramt in der Evangelish-lutherischen Landeskirche Hannovers

zurück
Seite weiterempfehlen Seite Drucken