Andachten aus Bibel AnDenken

Die Reihe "Bibel AnDenken" erscheint in gemeinsamer Herausgeberschaft der aej mit der Konferenz der Landesjugendpfarrerinnen und Landesjugendpfarrer in der Bundesrepublik Deutschland. Sie bietet Andachtsentwürfe, Materialien für Gruppenstunden und Freizeiten, Lieder, Informationen zur Jahreslosung und Monatssprüchen.

Cover BA 2021
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November 2021
Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf die Geduld Christi. 2. Thess 3,5

Andacht
Streit um den Glauben in Thessaloniki. Der Monatsspruch für den Monat November dieses Jahres stammt aus einem Brief, der zu dieser Schlagzeile passt. Im 3. Kapitel des 2. Briefes an die Thessalonicher steht: »Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf die Geduld Christi.« (2. Thess 3, 5) Konzentriert euch auf das Wichtige, das Fundament, so könnte der Vorsatz heißen.

Worum ging es? In Thessaloniki hatte sich eine Gruppe gebildet, die in den Augen des Verfassers unseres Briefes schlicht und einfach »die Bösen« waren. Und das ärgerte ihn, weil die Gemeinde eigentlich gut lief. Trotz der Bedrängnisse von außen bis hin zur offenen Verfolgung waren sie standhaft geblieben. Sie warteten geduldig auf den Tag des Herrn, die Wiederkunft Christi. Nun aber gab es auf einmal Leute, die den bisherigen Weg nicht mehr mitgehen wollten. Sie verkauften, was sie besaßen, stellten die Arbeit ein und gingen nutzlosen Beschäftigungen nach, denn sie lebten, was sie glaubten: Der Tag des Herrn ist ganz nah. Ein solches Leben war für den Verfasser unseres Briefes unerträglich. Und deshalb schrieb er diesen Brief.

Und er machte etwas, was wir heute nicht so gut finden, was es damals aber häufiger gab: Er schrieb als wäre er Paulus. Der Apostel Paulus hatte schon einmal einen Brief geschrieben, unter anderem auch zum Thema »Wiederkunft des Herrn«. Da standen Dinge drin, die er kommentieren und/oder korrigieren wollte. Während im ersten Brief die Erwartung einer baldigen Wiederkehr Christi bestätigt wird, (1. Thess 5, 1 – 11) wird sie im zweiten doch sehr gedämpft. Erst wird es noch Zeiten der Bedrohung und der Anfechtung geben, bevor das Reich Gottes in all seiner Fülle Wirklichkeit wird. Deshalb müssen die Christ*innen Geduld haben und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Und dann kommen als Rahmen für das eigentliche Anliegen ganz viele Aussagen, die so auch schon fast wortgleich in dem ersten Brief standen: es geht um das Alltagsleben unter den Bedingungen von damals: Bedrängnis und Verfolgung. Was das ist, steht zum Beispiel in unserem Vers.

Ich formuliere ihn so:
Haltet fest daran, bleibt geduldig: Gott war da und ist da und wird kommen, um da zu sein, uns nah zu sein. Seine Liebe zu jeder und zu jedem ist das Erste. Wer dies für wahr nimmt, ist befreit, in dieser Welt zu lieben, mit anderen Menschen geduldig durch Bedrängnisse und Erfolge, Höhen und Tiefen zu gehen.

Wenn ich euch das jetzt hier so erzähle, merke ich, eigentlich interessierte mich bei der Vorbereitung etwas ganz anderes viel mehr. Mir schoss folgender Gedanke in den Kopf: Wenn der Verfasser des 2. Briefes an die Thessalonicher eine Korrektur des 1. Briefes schreibt und beides dann in den Bestand der Bibel aufgenommen wird, wie konnte das passieren? Haben die Redakteure nicht aufgepasst? Oder hatten sie die Einsicht, dass man, um das Gleiche mitzuteilen je nach Zeit und Ort Unterschiedliches sagen muss? Hatten sie beim Lesen der Hebräischen Bibel auch schon entdeckt, dass im ersten Teil der Schöpfungsgeschichte alles im Wasser waberte und Gott eine Feste machte, damit Leben entstehen kann, und im zweiten Teil erzählt wird, dass es nichts gab, weil Gott es noch nicht hat regnen lassen? Und was heißt das eigentlich für unseren Umgang mit den Schriften der Bibel?

Bei all diesen Beispielen die Frage zu stellen, wer hat Recht, verbietet sich ganz offensichtlich. Wenn diese Frage trotzdem gestellt wurde, gab es zumeist größeren Ärger bis hin zur Ketzer- und Hexenverfolgung. Deshalb stelle ich die Frage so:
Dürfen wir das auch? Die Bibel sozusagen weiterschreiben? Wir als eine Gruppe oder auch jede einzelne und jeder einzelne? Oder müssen wir mit unserem Verfasser bitten: betet für uns, dass »wir erlöst werden von den falschen und bösen Menschen; denn der Glaube ist nicht jedermanns Sache.« (2. Thess 3, 2)

Eine jede und ein jeder von uns, die bzw. der selbst Andachten oder Bibelarbeiten hält, kann bei genauerer Selbstbetrachtung feststellen, dass er oder sie die biblische Geschichte weiterschreibt. Wir erzählen, was uns zum Evangelium wird und was nicht. Und da wollen wir frei sein. Wir wollen Pluralität des Nacherzählens des Evangeliums, weil wir uns von der Liebe Gottes getragen wissen. Ihr Jugendlichen und wir Erwachsenen in der Evangelischen Jugend! Glaube ist unser Ding. Auch dann, wenn Menschen uns nicht verstehen (wollen). Und wir Erwachsenen können es wissen: Jugendliche können und wollen über ihren Glauben reden, sie haben nur ihre eigenen Vorstellungen über Glauben und wie sie darüber reden wollen. Und manchmal ist es auch so, dass jugendliche Rede Gesang ist. Und das führt nicht immer zur Harmonie in den Gemeinden, sondern manchmal auch zu Chaos und Provokation. Vor allem aber wird alles individueller. Denn getragen von der Liebe Gottes und orientiert an der Geduld Christi sagt ein jeder und singt eine jede: »Ich mach mein Ding, egal was die anderen labern …( Udo Lindenberg (wie Anm.11)
Amen

Udo Bußmann
war bis Juli 2020 Landesjugendpfarrer in der Evangelischen Kirche von Westfalen

 

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