Andachten aus Bibel AnDenken

Die Reihe "Bibel AnDenken" erscheint in gemeinsamer Herausgeberschaft der aej mit der Konferenz der Landesjugendpfarrerinnen und Landesjugendpfarrer in der Bundesrepublik Deutschland. Sie bietet Andachtsentwürfe, Materialien für Gruppenstunden und Freizeiten, Lieder, Informationen zur Jahreslosung und Monatssprüchen.

Cover BA 2021
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September 2021
Ihr sät viel und bringt wenig ein; ihr esst und werdet doch nicht satt; ihr trinkt und bleibt doch durstig; ihr kleidet euch und keinem wird warm; und wer Geld verdient, der legt’s in einen löchrigen Beutel. Hag 1, 6

Das Leben ist zu kurz
»Das Leben ist zur kurz für schlechte Musik,
zu kurz für Beziehungsstress und blöden Psychokrieg.
Das Leben ist zu kurz für dumme Laberei.
Das Leben ist zu kurz für RTL2 …« (Dieser Satz stammt aus dem Lied der (ehemaligen) Kölner A-Capella-Gruppe Wise Guys mit dem Titel „Das Leben ist zu kurz“, zu finden auf der CD „Ganz weit vorn“ aus dem Jahr 2001.)

Nicht nur eingefleischte Kirchentagfans kennen den frisch-fröhlichen A-Capella-Gesang der Kölner Gruppe Wise Guys. Bis vor kurzem war ihr Auftritt ein fester Bestandteil Deutscher Evangelischer Kirchentage. Dass das Leben zu kurz ist, hat wohl auch den Propheten Haggai beschäftigt. Irgendwie scheint es in der menschlichen Natur zu liegen, sich mit dem kleinen privaten Glück zufrieden zu geben und das, worauf es ankommt, immer mehr auszublenden – oder kurz gesagt: Die falschen Prioritäten zu setzen. Wie viel Zeit und Energie investiere ich manchmal in Dinge, deren Sinn sich mir gar nicht richtig erschließt? Wie in dem berühmten Hamsterrad bemüht man sich in der Schule. Man schlägt sich den Bauch voll mit auswendig gelerntem Wissen, das man punktgenau zur Prüfung reproduzieren kann, aber kaum dabei das Gefühl hat, etwas Wertvolles gelernt zu haben. Andere feiern sich durch die Wochenenden, hängen in Bars ab, lassen keine Party aus, aber spätestens am Montagmorgen beim Aufwachen mit dickem Schädel merkt man, dass man sich unter den ganzen Leuten doch ziemlich alleine gefühlt hat. Wieder andere legen großen Wert auf ihr Äußeres, tragen die neusten modischen Klamotten und wollen damit interessant erscheinen. Doch im Grunde sehnen sie sich danach, so wahr und ernstgenommen zu werden, wie sie hinter ihrer Fassade aus Chic und Fashion sind.

Der Prophet, von dem der Monatsspruch stammte, kannte diese Haltung, nur unter ganz anderen Vorzeichen. Was ihn beschäftigte, war eher die Frage, was denn eine Gemeinschaft in ihrem Inneren zusammenhält. Als die Bevölkerung in der Gefangenschaft in Babylon ausharren musste und auf eine Rückkehr in ihre Heimat hoffte, da war es die Vision, den zerstörten Tempel wiederaufzubauen, die ihnen half, die schwere Zeit durchzustehen. Doch kaum wurde ihre Hoffnung wahr, kam der ersehnte Neubau schnell ins Stocken. Andere Dinge wurden wichtiger. Da mussten erst die eigenen Häuser wiedererrichtet werden. Man machte es sich zu Hause gemütlich, nutzte die Baumaterialien für den Tempel, für die eigenen vier Wände und ließ den Tempelbau mit der Zeit komplett ruhen. Man war sich selbst genug, zufrieden mit dem trauten Heim und dem kleinen Glück. Und jetzt kommt dieser Prophet und stellt – wie sich das mal für einen Propheten gehört – unbequeme Fragen: Seid ihr denn wirklich glücklich damit? Was ist denn mit euren Visionen, die euch durch die Zeit der Gefangenschaft am Leben gehalten haben? Sind die jetzt nichts mehr wert? Merkt ihr nicht, was das mit euch macht, wenn ihr euch ins Private zurückzieht und euch nicht mehr darum kümmert, was eure Gemeinschaft ausmacht? Ihr seid immer noch Gottes Volk! Verliert das nicht aus dem Blick, so wie euch der Tempelbau aus dem Blick geraten ist. Gott will, dass ihr eine Zukunft habt und die liegt nicht im »trauten Heim – Glück allein«. Denn dazu braucht ihr keinen Gott.

Auch bei uns heute stehen die eigenen Bedürfnisse meistens im Vordergrund. Das ist die Haltung, die uns eine Leistungsgesellschaft einimpft. Man muss selbst schauen, wo man bleibt. Zuerst gut durch die Schule kommen, danach erstmal einen ordentlichen Berufsabschluss hinkriegen, dann eine Stelle finden, danach sich irgendwo niederlassen, Familie gründen, für das Alter vorsorgen, und und und. Immer gibt es etwas, das »zuerst« sein muss. Doch vieles bleibt dabei auf der Strecke. »Das Leben ist zu kurz für exzessive Plackerei – kaum hast du’n Haus mit Garten, ist es wieder vorbei«,2 singen die Wise Guys. Diese Worte könnten auch vom Propheten stammen.
Als letztes Jahr die große Pandemie um das Corona-Virus zwangsweise alles Leben zum Stillstand brachte, war es auch eine Zeit, in der man spürte, worauf es in Krisenzeiten und überhaupt im Leben im Grunde ankommt. Zusammenhalten, Mutmachen, Gesundbleiben, waren die Schlagworte der Corona-Krise. Plötzlich wurde deutlich, wie fragil das Leben sein kann. Es gerieten wieder Menschen in den Blick, die besondere Aufmerksamkeit in der Gesellschaft brauchen: Familien in prekären Verhältnissen, ältere Menschen, Alleinerziehende, Geflüchtete, Kinder und Jugendliche aus schwierigen Milieus, Menschen ohne Obdach, und viele mehr. Sie brauchten damals besonders die Solidarität der Gesellschaft. Und wie gerecht eine Gesellschaft ist, zeigt sich darin, welche Aufmerksamkeit die Schwächsten ihrer Glieder bekommen.

Der Tempelbau, um den es beim Propheten Haggai geht, der steht für mich sinnbildlich für das, was uns im Leben heilig ist. Trotz allem berechtigen Bemühen um ein gutes und sicheres Leben ist es wichtig zu wissen, dass Gott vielleicht einen anderen Plan für uns hat. Ihm geht es um uns! Um unser Glück, um unseren Platz in der Welt, um unser Heil an Körper und Seele. Es geht ihm darum, dass wir in unserem Dasein einen Sinn sehen, dass wir sehen, was wir können und bewirken. Es geht ihm darum, dass wir satt werden und dass unser Durst nach Leben gestillt wird. Es liegt Gott am Herzen, dass wir genug haben und nichts sinnlos verschwenden. Der Prophet stellt im Grunde die Frage: Was ist mir heilig? Wie achtsam gehe ich mit dem um, was mir heilig ist? Wo setze ich meine Prioritäten? Was ist mein Tempel, der mir Quelle der Kraft und Zuversicht ist? Spannende Fragen, die jeder und jede für sich selbst beantworten muss. Klar ist nur: Bei RTL2 finden wir unseren inneren Tempel nicht.

Das Gleiche gilt auch für eine Gesellschaft. Auch sie braucht einen Tempel in ihrer Mitte. Christen sind Teil einer großen Gemeinschaft. In einer Gemeinschaft darf es nie ausschließlich um den eigenen Selbsterhalt oder das individuelle Lebensglück gehen. Eine Gemeinschaft braucht ebenso etwas, wie einen heiligen Ort, damit sie mit allen, die dazugehören, eine Zukunft hat. Für mich ist dies die Solidarität, wie man sie in Krisenzeiten oft spürt. Als die Geflüchteten in Deutschland ankamen, war die Aufmerksamkeit für die Not in ihren Herkunftsländern sehr hoch. Während der Corona-Pandemie gerieten die Berufsgruppen wie Krankenschwestern, Altenpfleger*innen und Müllmänner in den Blick, ohne die ein System nicht funktionieren kann, die aber denkbar schlecht bezahlt werden.

Eine gute Gemeinschaft muss auf einem sicheren Fundament ruhen. Es muss in ihr etwas geben, was ihnen noch heilig ist. Das ist kein monumentaler Kirchenbau, sondern das ist Gottes grenzenlose Solidarität mit allen, die auf die Solidarität ihrer Mitmenschen angewiesen sind. Damit solch ein »innerer« Tempel ein solides Fundament behält, muss stets an ihm gebaut werden.

Und wenn das Heilige im Leben trägt und ihm Richtung gibt, dann lohnt sich das Säen, dann werden der Hunger und der Durst nach Leben gestillt, dann zerrinnt unsere Investition in das Leben nicht wie das Geld im löchrigen Beutel.
AMEN

Florian Geith
Landesjugendpfarrer in der Evangelischen Kirche der Pfalz

 

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