Andachten aus Bibel AnDenken

Die Reihe "Bibel AnDenken" erscheint in gemeinsamer Herausgeberschaft der aej mit der Konferenz der Landesjugendpfarrerinnen und Landesjugendpfarrer in der Bundesrepublik Deutschland. Sie bietet Andachtsentwürfe, Materialien für Gruppenstunden und Freizeiten, Lieder, Informationen zur Jahreslosung und Monatssprüchen.

Cover BA 2021
Seite weiterempfehlen Seite Drucken
Mai 2021
Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen! Spr 31,8

Andacht Mai 2021

Was wäre, wenn …
Ich weiß nicht, ob das andern auch so geht, aber bei mir ist das manchmal so, dass mich eine Aufforderung etwas Bestimmtes zu tun, lahmlegt. Bis jetzt habe ich nicht genau herausgefunden, was da genau in mir vorgeht, aber es ist da. Zum Glück nicht immer, aber es gibt diesen Effekt. Ich soll etwas tun und will es auch eigentlich, aber wehe, wenn ich ’ne Email bekomme, die mich daran erinnert, oder ’ne WhatsApp, egal wie freundlich. Dann hab ich erst recht keine Lust, und plötzlich hab ich ganz andere Sachen, die ich tun muss, statt mich mit Lust, daran zu machen. Ich hab keinen Bock – oh doch, ich habe einen Bock, bin nämlich irgendwie bockig und gelähmt. Manchmal hab ich schon gedacht, ich antworte und schreibe: Bitte erinnere mich nicht mehr, dann wird es schneller fertig, so wie diese Andacht zum Beispiel. Bitte fordere mich nicht auch noch auf, das zu tun, von dem ich schon weiß, dass ich es tun sollte, das macht es mir nicht leichter. Das gilt ganz besonders für Aufforderungen, die an meine Moral appellieren. So wie der Bibelvers. Da kommt dann dazu, dass ich mich frage: Kann ich das denn – oder ist das ne Nummer zu groß für mich? Was geht da in mir vor?
»Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen!« Das ist eine Belehrung – das sagt die Mutter ihrem Sohn, dem König Lemuel. Ein weiser Lehrsatz. Und natürlich soll der befolgt werden.

Im ersten Moment denke ich, oh nein, da ist es wieder …, aber dann sage ich mir: Stopp! Du bist nicht der Sohn und König. Ich finde mich woanders wieder in der Szenerie. Ich höre erstmal nur zu bei dem, was die Mutter ihrem Sohn rät – und schon geht es mir ganz anders. Bravo, denke ich, genau: Das wäre doch mal was, wenn so einer mit der Macht in den Händen genau das tut, was die Mutter da sagt. Wär doch was, wenn die Mächtigen ihre Macht zum Wohle aller einsetzen, für Gerechtigkeit sorgen. Super! Genau! Aber ich habe den Satz ja auch gehört. Gilt der nicht doch mir, auch wenn ich kein König bin? Sehe ich mich denn selbst so machtlos, dass ich nichts tun kann? Und was wäre wenn …?

Wenn ich mir Handlungsspielräume erobere, meine Gestaltungsmacht nutze? Was wäre, wenn es ganz leicht geht, etwas zu tun, was einen Unterschied macht für andere? Manchmal gelingt es ganz einfach – so wie neulich im Supermarkt. Ich habe einen ganzen Wagen voll eingekauft und stehe in der Schlange. Hinter mir kommt ein Mann mit drei, vier Dingen auf dem Arm. Ein vergleichsweise bescheidener Einkauf, ich kann es an den Dingen ablesen: Es ist nur das Aller-allernötigste. Er sieht müde aus. Ich lasse ihn vor. Während wir noch warten fragt er etwas, was ich kaum verstehe – er spricht russisch, wenige Brocken englisch, noch weniger deutsch. An der Kasse möchte er mit dem Handy bezahlen, aber es klappt nicht. Die junge Kassiererin ist freundlich, will helfen, aber die Verständigung klappt nicht. Es geht um 5 € und ein paar Cent. Ich hole mein Portemonnaie aus der Tasche. »No, no …«, sagt der Mann hinter seiner Maske und versucht verzweifelt herauszubekommen, warum er nicht mit dem Handy bezahlen kann. Ich lege die exakte Summe hin. Der Mann bedankt sich unsicher und geht. Auch die Kassiererin bedankt sich bei mir. Als ich abwinke, weil es ja nun wirklich nur eine kleine Spende war, sagt sie nur: »Auch das hätten die meisten nicht gemacht«.

Was wäre, wenn wir mehr Miteinander wagen, uns öfter mal so ein kleiner Schritt auf den andern zu gelingt? Wenn wir unseren Trott unterbrechen und fröhlich genau das tun, was dran ist und weiterhilft? Wenn ich freundlich bin zu Menschen, die von anderen blöd behandelt werden? Wenn ich einschreite, weil schlecht über Menschen gesprochen wird, die Unterstützung und Solidarität brauchen und sage: So geht das nicht!
Genau das gehört zum Kern christlich-biblischen Glaubens und Lebens seit mehr als 2000 Jahren auf der ganzen Welt.
Was wäre wenn? … das wäre ein kleiner Schritt zu Frieden in der Welt! Schon kleine Schritte machen einen Unterschied, sie verändern in diesem Moment die Welt. Gott traut uns das zu. Wie die weise Ratgeberin in der Bibel zu ihrem Sohn – einem König – spricht, so spricht Gott zu uns:
»Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen!«.

Cornelia Dassler
Landesjugendpastorin in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers

zurück
Seite weiterempfehlen Seite Drucken